Das Stammesgenie von Integral Records
Unbekannte maskierte Künstler sind im Drum & Bass kein Neuland. Von Squarepusher bis Jaguar Skills haben einige ihre Identität verborgen – doch nicht immer vollständig.
Unbekannte maskierte Künstler sind im Drum & Bass kein Neuland. Im Laufe der Jahre gab es Acts wie Squarepusher und Jaguar Skills, die ihr Maskenspiel in die Szene brachten. Während Jaguar Skills seine Identität erfolgreich verborgen hat, haben ihn die Leute zumindest in irgendeiner Form bei Auftritten gesehen.
Nun präsentieren wir Dawn Wall. Seit ihrem Auftauchen im Jahr 2015 sind sie wohl das größte Rätsel, das die Drum-&-Bass-Szene zu lösen versucht. Alles, was wir bisher über Dawn Wall wissen, ist, dass mehr als zwei Personen dahinterstecken. Abgesehen von Lomax von Loadstar, der seine Verbindung zu dem mysteriösen Act bestätigt hat, gibt es keine Spur eines weiteren Künstlers, der mit ihnen in Verbindung steht.
Eine einzige Google-Suche führt zu mehreren Foren, die tief in Dawn Walls Identitäten graben. Um ihre Anonymität zu wahren, haben sie seit ihrer Gründung keinen einzigen Gig gespielt, der die Gesichter hinter dem Act hätte enthüllen können. Hier nimmt die Geschichte von Dawn Wall eine überraschende Wendung: Es geht nicht nur um sie. Neben Dawn Wall gibt es Mohican Sun, Tatora und jetzt vielleicht, nur vielleicht, Kaloa. Vier verschiedene Aliase, vereint durch zwei Elemente: ihre Stammeskunst und ihre Verbindung zu Integral Records.
DAWN WALL & MOHICAN SUN
Anfang 2015 veröffentlichte Artificial Intelligence über Integral Records die EP „You Remember“ mit Dawn Wall. Ein unbekannter Name – da lag die Vermutung nahe, dass es sich um Newcomer handelte, und die Veröffentlichung geriet schnell in Vergessenheit. Doch nur zwei Monate später brachte Integral Records die EP „Kythera“ heraus, erneut unter dem Namen Dawn Wall.
[youtube https://www.youtube.com/watch?v=iVHLZmBlg6w] Diesmal war es anders. Ja, theoretisch waren sie Newcomer, aber der musikalische Reichtum der „Kythera“-EP war für einen Newcomer einfach zu gut. Damit begannen die Gespräche, und die naheliegendste Vermutung war, dass es sich um ein neues Alias von Artificial Intelligence handelte, denn Dawn Walls Stil ähnelte dem stark synkopierten Liquid Drum & Bass von AI. Doch Integral stürzte uns erneut in einen Strudel aus Fragen. Auf der EP von Dawn Wall war Artificial Intelligence vertreten – und damit waren alle Zweifel an AIs Beteiligung an dem mysteriösen Act vom Tisch.Auf die „Kythera“-EP folgte die „Longshanks“-EP mit zwei ihrer besten Tracks: „Spears“ und „Lose Face“. Wie schon die vorherige EP war auch diese für den Sound eines Newcomers zu gut. Wieder wurde sie mit der Annahme übergangen, es handle sich um ein einmaliges Experiment der Leute bei Integral Records, das deren Erwartungen übertroffen hatte. Und lange fühlte es sich tatsächlich so an, denn fast das gesamte Jahr 2016 über gab es kein Lebenszeichen von einer neuen Dawn-Wall-Veröffentlichung.
Ende 2016 erschien dann völlig aus dem Nichts erneut eine Veröffentlichung von Dawn Wall – diesmal war jedoch etwas anders. Zusammen mit der „Ember“-EP kam ein faszinierendes Artwork. Nachdem man die Leute ein Jahr lang im Dunkeln gelassen hatte, war klar: Dawn Wall war ein sorgfältig inszeniertes Projekt der Leute bei Integral Records. Das Artwork, das heute ihr Logo ist, wurde von den entlegensten indigenen Regionen inspiriert. Mit der „Ember“-EP begann eine Reise in die tiefe, tribale Welt von Integral Records.

Dawn Walls Sampling-Kunst war bereits seit der ersten Veröffentlichung makellos. Mit klug eingesetzten Samples von Drake, Nils Frahm und Bruno Mars gaben sie die Richtung für ihre Releases vor. Die „Ember“-EP enthielt vier pulsierende Tracks, die Liquid- und tribale Elemente verbanden; „Blood Diamond“ arbeitete dabei mit einem Sample aus „Ankala“, dem Hit von Sierra Leone’s Refugee All Stars.
[youtube https://www.youtube.com/watch?v=hclTW_b7n5Q] Doch für ein Label, das ein Jahr lang mit uns gespielt hatte, ohne auch nur einen Hinweis auf sein unbekanntes Abenteuer zu geben, war eine weitere Wendung geradezu unvermeidlich. Und wie erwartet kam sie. Direkt nach der „Ember“-EP tauchte ein weiteres Alias auf – und die Geschichte wurde immer undurchsichtiger.Ende 2016 spielte Friction „Where Did You Go“ in seiner Radioshow, ohne zu wissen, wem der Track tatsächlich gehörte. Klar war nur: Die Unruhestifter saßen bei Integral Records. UKF kontaktierte Artificial Intelligence, um herauszufinden, ob im Integral-Lager etwas im Gange war. Die einzige Antwort lautete: „Mohican Sun ist ein neues Mitglied des Stammes. Eine neue Kombination von Produzenten, darunter ursprüngliche Mitglieder des Camps.“ Es dauerte nicht lange, bis uns Dawn Walls Identität erneut ratlos zurückließ – und nun hatten wir es mit einem weiteren mysteriösen Act zu tun.
[youtube https://www.youtube.com/watch?v=pl9M3KHGNc0] Dnb Forum, die unangefochtenen Adleraugen für Drum-&-Bass-Aliase und IDs, machten sich an die Recherche zu Mohican Sun, gingen jedoch leer aus. Nach zahlreichen erfolglosen Versuchen blieb den Drum-&-Bass-Heads nichts anderes übrig, als sich zurückzulehnen, die unglaublich gute Musik dieser unbekannten Acts zu bewundern und darauf zu hoffen, dass ihnen irgendwann etwas über die Identitäten von Dawn Wall und Mohican Sun in die Hände fiel.
Es folgte eine Reihe von Veröffentlichungen von Dawn Wall und Mohican auf Integral Records – und diese Releases wiesen ein eigenartiges Muster auf. Mindestens ein Track aus Dawn Walls EPs „Twin Falls“ und „Problems“, begleitet von Mohican Suns EPs „Fixation“ und „Dead Sea“, enthielt tribale Einflüsse. Der Rest bestand aus ihrem charakteristischen, aufmunternden Liquid Drum & Bass mit sorgfältig ausgewählten Samples.
Neben ihren eigenen Tracks waren die Mitglieder von Dawn Wall und Mohican Sun auch beim Remixen ganz vorne dabei. Sie verpassten unter anderem Tracks von Nero, Dua Lipa, Chase & Status und Friction einen neuen Anstrich. Angesichts der erfolgreichen Verzweigungen, die beide Acts durch eine konstante Reihe von Veröffentlichungen zwischen Underground und Mainstream erreicht hatten, beschloss Integral Records, Dawn Wall und Mohican Sun eine unabhängige Plattform für ihren Musikstil zu geben. So entstand Ekho.
Im Geist ihrer Veröffentlichungen auf Integral brachten die mysteriösen Acts anschließend einige bahnbrechende Musik heraus, begleitet von aufwendigen tribalen Artworks, die ihre Erzählung unterstrichen: indigene Elemente in den Drum & Bass zu bringen.
Wir schreiben das Jahr 2019. Obwohl wir vier Jahre damit verbracht hatten, jedes Detail rund um Dawn Wall und Mohican Sun auszugraben, gab es noch immer keine belastbaren Hinweise auf die Menschen hinter den Acts. Nach Veröffentlichungen in den Jahren 2018 und 2019 ging Dawn Wall in den Winterschlaf, während Mohican Sun 2019 nur einen Track herausbrachte und 2020 schließlich mit zwei Singles kurz zurückkehrte.
TATORA
Wer Integral kennt und weiß, wie sich die vergangenen fünf Jahre entwickelt hatten, konnte aus dem Schweigen von Dawn Wall und Mohican Sun schließen, dass wieder etwas im Busch war. Und wie immer enttäuschten sie uns nicht. 2020 war so viel los, dass wir kaum dazu kamen, die Entwicklungen im weltweiten Drum & Bass und in der Musik allgemein zu verfolgen. Integral Records nutzte diese Zeit, um eine weitere Geschichte zu entwerfen – und schließlich erschien nach einer langen Pause Tatora.
Ein weiteres mysteriöses Alias mit Verbindung zu Integral Records, das dieselben musikalischen Grundmuster trug, diesmal jedoch ohne die gewohnten tribalen Artworks. 2015 begann es mit Dawn Wall, 2016 folgte Mohican Sun. Nachdem wir fünf Jahre lang nach ihren Identitäten gesucht und dabei kaum Erfolg gehabt hatten, stand nun ein weiterer mysteriöser Act im Integral-Roster.
Wie bei Dawn Wall und Mohican Sun wissen wir nicht, ob es sich um ihn, sie oder mehrere Personen handelt. Wir wissen, dass Tatora Teil des Integral-Stammes ist, und sicher ist auch: Hinter Tatora stehen etablierte Künstler, die beschlossen haben, erneut Gedankenspiele mit uns zu treiben. Der „About“-Bereich auf Tatoras Seite sagt lediglich mehrere hundert Mal „Tatora“ – und weiter sind wir bisher wie üblich nicht gekommen.
UKF bekam die Gelegenheit, Tatora zu interviewen. Auf die Frage nach einem anonymen Interview antworteten sie praktischerweise: „Es war irgendwie lustig, weil ich dich kenne und du nicht weißt, mit wem du sprichst.“
[youtube https://www.youtube.com/watch?v=FzylP7XTx-k] Seit dem Interview hat Tatora zwei EPs mit demselben glühenden Liquid-Drum-&-Bass-Stil wie die Vorgänger veröffentlicht. Und da wir als Drum-&-Bass-Community alles in unserer Macht Stehende getan haben, um Brotkrumen zu finden, wissen wir: Bei Tatora wird dieselbe Suche ins Leere laufen. Außerdem haben sie ein paar Hinweise auf ein vollständiges Tatora-Album auf Integral verstreut.
KALOA
2021 wurde die Geschichte erneut undurchsichtiger. Anfang des Jahres tauchte ein mysteriöser Name mit demselben Muster auf. Wenn du bis hierhin gelesen hast, kennst du es bereits. Aber es gibt noch eine Wendung: Das Artwork von Kaloa kommt uns bekannt vor und führt zurück in die Dawn-Wall-Tage. Die Musik liegt auf derselben Wellenlänge und ist für einen Newcomer viel zu gut – diesmal wurden jedoch alle bisherigen Veröffentlichungen selbst herausgebracht. Das ist alles, was wir über Kaloa wissen. Während wir auf mehr von diesem weiteren mysteriösen Act warten, würde es uns nicht überraschen, wenn sie beschließen, uns erneut zu verwirren.

Während wir uns darauf vorbereiten, tief in diesen D&B-Justice-League-Strudel einzutauchen, beschweren wir uns nicht – denn die Musik ist unglaublich. Auf viele weitere Aliase aus dem Integral-Stamm, tiefe Google-Recherchen und natürlich atemberaubende Drum-&-Bass-Musik.