Familienfotoalben und alte Briefe, die auf Dachböden verstaut sind, können zum Herzstück eines lebendigen Gemeinschaftsarchivs werden, wenn sie öffentlich gezeigt werden. Weltweit arbeiten Bibliotheken, Museen und Gemeinschaftsgruppen mit der Öffentlichkeit zusammen, um diese persönlichen Schätze ins Rampenlicht zu rücken. Ausgestellte Gemeinschaftsarchive machen aus privaten Erinnerungen ein gemeinsames Erbe und geben allen die Möglichkeit, die vielfältigen Geschichten zu feiern, die das kulturelle Gefüge einer Gemeinschaft ausmachen. Durch gemeinsames Kuratieren von Ausstellungen, Digitalisierungsangebote vor Ort, die Vermittlung von Grundlagen der Bestandserhaltung und den Aufbau von Vertrauen werden diese Initiativen zu partizipativen Kulturfestivals der Erinnerungen.
Ausstellungen gemeinsam mit Familien und Bibliotheksmitarbeitenden kuratieren
Erfolgreiche Präsentationen von Gemeinschaftsarchiven beruhen auf der Zusammenarbeit zwischen professionellen Archivfachleuten (oder Bibliotheksmitarbeitenden) und den Mitgliedern der Gemeinschaft, deren Geschichten erzählt werden. Statt dass Kuratorinnen und Kuratoren alles hinter verschlossenen Türen entscheiden, werden Familien und lokal Engagierte eingeladen, Ausstellungen gemeinsam zu kuratieren. Dazu gehört, sie an der Auswahl der auszustellenden Fotos, Dokumente oder Artefakte zu beteiligen und gemeinsam die Geschichten rund um diese Objekte zu entwickeln.
- Inklusive Planung: Bibliotheksmitarbeitende und Veranstaltende organisieren häufig Planungstreffen oder informelle Gespräche mit älteren Mitgliedern der Gemeinschaft, Lokalhistorikerinnen und Lokalhistorikern sowie Familien. Sie besprechen, welche Themen Anklang finden (z. B. „Aufwachsen in diesem Viertel“ oder „Unser Einwanderungserbe“) und suchen persönliche Gegenstände, die diese Themen veranschaulichen. Wer frühzeitig nach Beiträgen fragt, sorgt dafür, dass die Ausstellung Werte der Gemeinschaft widerspiegelt und nicht nur institutionelle Prioritäten.
- Persönliches Erzählen: Ermutigt die Beitragenden, ihre eigenen Objekte zu beschreiben und zu erklären, was diese für sie bedeuten. Bindet diese Stimmen in die Ausstellungstexte oder multimediale Inhalte ein. Eine Präsentation eines Gemeinschaftsarchivs ist deutlich reichhaltiger, wenn die Menschen, die Geschichte selbst erlebt haben, zu Wort kommen und nicht nur eine offizielle Bildunterschrift zu sehen ist. Besuchende finden solche persönlichen Anekdoten ansprechend und einprägsam, und die ursprünglichen Beitragenden entwickeln ein Gefühl der Mitverantwortung dafür, wie ihre Geschichte präsentiert wird.
- Geteilte Verantwortung: Beim gemeinsamen Kuratieren geht es darum, Verantwortung zu teilen. Eine Familie aus der Region kann beispielsweise ihre Sammlung von Festivalplakaten oder traditionellen Trachten mitpräsentieren und den Kontext aus ihrer Perspektive liefern, während die Bibliotheksmitarbeitenden für die Richtigkeit von Daten und Namen sorgen. Diese Partnerschaft schafft gegenseitigen Respekt. Außerdem werden Familien, die an der Kuratierung beteiligt sind, zu begeisterten Botschaftern der Ausstellung – sie laden Verwandte und Freunde stolz ein, „unsere Geschichte an der Wand“ zu sehen.
Ein Beispiel für gemeinsames Kuratieren in einem Gemeinschaftsarchiv kommt von der britischen Community Archives and Heritage Group. Sie weist darauf hin, dass viele Projekte zur Lokalgeschichte als „Zwischenstation“ dienen – sie sammeln Kopien von Material von Einzelpersonen, Familien und Vereinen, die noch nicht bereit sind, die Originale an ein offizielles Archiv zu übergeben, laut dem Community Archives Toolkit. Indem Archivfachleute gescannte Reproduktionen und Geschichten dieser Mitglieder der Gemeinschaft willkommen heißen, können sie die Geschichte weiterhin präsentieren (oft online und in Ausstellungen), während die Eigentümer ihre Erinnerungsstücke behalten. Mit der Zeit führt dieser respektvolle Ansatz häufig zu noch mehr Beiträgen, weil die Menschen Vertrauen gewinnen, dass ihr Erbe sicher und angemessen gewürdigt wird.
Scan-Stationen für Beiträge vor Ort
Ein Höhepunkt vieler Präsentationen von Gemeinschaftsarchiven ist die Scan-Station vor Ort. Hier geschieht die Magie in Echtzeit: Besuchende können alte Fotos, Dokumente oder Erinnerungsstücke mitbringen und direkt vor Ort digitalisieren lassen. Das vergrößert nicht nur sofort die Bestände des Archivs, sondern bindet die Öffentlichkeit aktiv in den Prozess der Bestandserhaltung ein.
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Der Aufbau einer Scan-Station erfordert etwas Planung:
- Ausrüstung: Verwendet einen hochauflösenden Flachbettscanner für Fotos und Papierdokumente. Für sperrige Gegenstände (etwa eine Kriegsmedaille, ein historisches Textil oder ein gerahmtes Porträt) kann eine Digitalkamera auf einem Reproständer oder Stativ als Scanner dienen. Sorgt für geeignete Beleuchtung und Materialien für den sicheren Umgang (Handschuhe, Unterlagen), damit die Originale nicht beschädigt werden.
- Geschulte Freiwillige oder Mitarbeitende: Lasst Archivfachleute, technikaffine Freiwillige oder Studierende die Station betreuen. Sie sollten die Objekte vorsichtig handhaben, den Scanner bedienen und Dateien mit korrekten Dateinamen und Metadaten speichern. Bei größeren Veranstaltungen solltet ihr Rollen verteilen: Eine Person kann beispielsweise als prüfende Kraft jedes Objekt sowie die Angaben der Eigentümerin oder des Eigentümers auf einem Formular dokumentieren, während eine andere als Bildtechnikerin oder Bildtechniker die Dateien scannt und speichert. Diese Zusammenarbeit stellt sicher, dass jedes Digitalisat korrekt mit seiner Beschreibung und den Angaben zur einreichenden Person verknüpft ist.
- Echtzeit-Übertragung: Um das Erlebnis spannender zu machen, projizieren manche Veranstaltungen die frisch gescannten Bilder direkt nach ihrer Erfassung auf eine Leinwand oder Wand am Veranstaltungsort. Stellt euch vor, wie das Hochzeitsfoto einer Großmutter aus den 1940er-Jahren wenige Augenblicke später auf einer großen Leinwand erscheint und alle staunen. So entsteht ein gemeinsamer Moment voller Nostalgie und Freude. Oft jubeln die Menschen oder versammeln sich, um die Geschichte hinter dem gezeigten Foto zu hören. Dadurch wird Archivarbeit zu einem interaktiven Erlebnis, fast wie eine Live-Kulturveranstaltung.
- Sofortige Rückgabe: Nach dem Scannen wird das Original sofort zurück an die Eigentümerin oder den Eigentümer gegeben. Betont von Anfang an, dass die Veranstaltenden die Objekte nicht behalten. Diese einfache Praxis gibt den Teilnehmenden die Sicherheit, dass ihre Erinnerungsstücke nicht verloren gehen oder falsch behandelt werden. Sie ist ein entscheidender Schritt zum Vertrauensaufbau: Die einreichende Person behält jederzeit die Kontrolle über ihre Gegenstände.
Öffentliche Digitalisierungsveranstaltungen waren bemerkenswert erfolgreich. In den USA hat sich das von der University of Nebraska–Lincoln entwickelte Modell History Harvest in vielen Gemeinschaften verbreitet. Die Idee besteht darin, Einwohnerinnen und Einwohner einzuladen, ihre Artefakte zum Scannen und zur gemeinsamen Erforschung mitzubringen. Ziel der Gründer war es, „Geschichte zu demokratisieren, indem ein öffentlicher Dialog über die Materialien der Geschichte und ihre Bedeutung geschaffen wird und außerdem ein öffentliches Online-Archiv“ mit den Beiträgen ganz gewöhnlicher Menschen entsteht, wie in Digital Humanities Quarterly beschrieben. In der Praxis fühlen sich History-Harvest-Veranstaltungen ein wenig wie Gemeindefeste an: Menschen kommen mit Fotoalben, Briefen, Militärmedaillen und vielem mehr vorbei; freiwillige Teams scannen und katalogisieren jedes Objekt; und alle erfahren mehr über den Hintergrund der Artefakte, während Geschichten offen geteilt werden.
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Auch der Mass. Memories Road Show ist ein landesweites partizipatives Archivierungsprogramm, das durch Massachusetts gereist ist. Bei den kostenlosen öffentlichen Veranstaltungen bringen Einzelpersonen Familienfotos mit, die gescannt und einer digitalen Sammlung hinzugefügt werden. Außerdem werden die Beitragenden eingeladen, die Geschichten hinter ihren Fotos zu erzählen und Ratschläge zur Pflege ihrer Familiensammlungen zu erhalten, ein zentraler Bestandteil des Mass. Memories Road Show. Seit dem Start im Jahr 2004 hat das Programm mehr als 12.000 Gemeinschaftsfotos und -geschichten aus dem gesamten Bundesstaat digitalisiert – vom Projektteam ausführlich dokumentiert – und damit gezeigt, wie die Ausweitung von Beiträgen vor Ort ein umfangreiches regionales Archiv schaffen kann. Mit dem wachsenden Interesse an solchen Initiativen wird das Wissen weitergegeben: Das UMass-Boston-Team hinter dem Projekt entwickelte sogar ein Toolkit mit einer „Roadmap for Participatory Archiving“, das Bibliotheken und Kulturorganisationen Schritt für Schritt bei der Durchführung eigener Scan-Veranstaltungen für die Gemeinschaft unterstützt. Kurz gesagt: Der Ansatz mit Scan-Stationen lässt sich überall anpassen – von der Bibliothek in einer Kleinstadt bis zum Museum in einer Großstadt – und kann den Aufbau eines Gemeinschaftsarchivs anstoßen.
Grundlagen der Bestandserhaltung vermitteln
Eine wirklich befähigende Präsentation eines Gemeinschaftsarchivs sammelt nicht nur Objekte, sondern vermittelt den Beitragenden auch Grundlagen der Bestandserhaltung. Die meisten Menschen, die ein 50 Jahre altes Foto oder eine Schachtel mit Briefen mitbringen, möchten gern wissen: Wie kann ich sicherstellen, dass diese Erinnerungen für künftige Generationen erhalten bleiben? Archivfachleute und Bibliotheksmitarbeitende vor Ort sollten bereit sein, praktische Tipps zu geben und einfache Techniken zur Bestandserhaltung zu zeigen. So wird aus der Begegnung ein Mini-Workshop, von dem alle profitieren.
So könnt ihr bei der Veranstaltung Wissen zur Bestandserhaltung vermitteln:
- Individuelle Beratung: Richtet einen kleinen Beratungstisch ein, an dem Fachleute für Bestandserhaltung (Archivfachleute oder Restauratorinnen und Restauratoren) die Objekte der Menschen prüfen und persönliche Empfehlungen geben. Wenn jemand beispielsweise einen brüchigen Zeitungsausschnitt mitbringt, kann die Fachkraft erklären, wie er in einer säurefreien Hülle mit stabilisierender Unterlage aufbewahrt wird, oder empfehlen, für den täglichen Gebrauch eine hochwertige Kopie anzufertigen, um das Original zu schonen. Die Teilnehmenden gehen mit konkreten Schritten nach Hause, um ihre eigenen Sammlungen zu schützen.
- Live-Demonstrationen: Bietet während der Veranstaltung kurze Vorführungen oder Gespräche zu Themen wie „Alte Fotos richtig aufbewahren“ oder „Grundlagen der digitalen Bestandserhaltung für eure Familienerinnerungen“ an. Haltet es einfach und vermeidet Fachjargon. Zeigt Beispiele für geeignete Aufbewahrungsmaterialien (Archivboxen, Fotohüllen aus Polyester) und typische Fehler (z. B. zerfallende „Magnet“-Fotoalben oder die Lagerung von Papieren in einem feuchten Keller). Wenn Menschen die richtigen Materialien sehen und anfassen oder beobachten können, wie ein Dokument vorsichtig in eine Schutzhülle eingeschlossen wird, verstehen sie anschaulich, was bei der Bestandserhaltung zu tun und zu vermeiden ist.
- Ratgeber zum Mitnehmen: Stellt leicht verständliche Broschüren oder Merkblätter bereit, die Besuchende mit nach Hause nehmen können. Sie können Empfehlungen zur Klimakontrolle (Papiere und Fotos kühl, trocken und unter stabilen Bedingungen aufbewahren), zu Vorsichtsmaßnahmen beim Umgang (vor dem Umgang mit alten Dokumenten die Hände waschen, kein Klebeband verwenden usw.) und zur Digitalisierung (in hoher Auflösung scannen, Sicherungskopien in einem Cloud-Speicher oder auf externen Laufwerken speichern) enthalten. Eine praktische Checkliste oder Infografik kann das Gelernte festigen und später als Nachschlagewerk dienen.
- Workshops und Aktivitäten: Bezieht verschiedene Altersgruppen mit einer unterhaltsamen Aktivität oder einem Workshop ein. In einem Workshop für ein „Starterset fürs Heimarchiv“ könnten die Teilnehmenden beispielsweise ein einfaches säurefreies Album oder eine Erinnerungsbox zusammenstellen. Kinder haben vielleicht Freude an einer Aktivität, bei der sie ein „Tagebuch für die Zukunft“ gestalten oder Großeltern zu einem alten Gegenstand interviewen. So lernen sie, warum es wichtig ist, diese Geschichte oder dieses Objekt zu bewahren. Diese Aktivitäten machen den Wert der Bestandserhaltung auf einprägsame Weise deutlich.
Indem Archivfachleute Grundlagen der Bestandserhaltung vermitteln, befähigen sie die Gemeinschaft. Die Menschen gehen nicht nur mit dem Gefühl nach Hause, zum öffentlichen Archiv beigetragen zu haben, sondern sind auch besser darauf vorbereitet, ihre persönlichen Archive zu Hause zu pflegen. Dieser Wissensaustausch fördert eine partnerschaftliche Beziehung: Die Gemeinschaft betrachtet das Archiv nicht als einseitige Sammelstelle für ihre Erinnerungen, sondern als Partner, dem ihr Erbe wichtig ist.
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Digitale Kopien an Beitragende zurückgeben
Damit sich Beitragende wertgeschätzt fühlen, ist es wichtig, sicherzustellen, dass sie digitale Kopien aller gescannten oder eingereichten Objekte erhalten. Das ist eine einfache Geste, die viel bewirkt. Viele Teilnehmende haben weder die nötigen Geräte noch die Zeit, ihre empfindlichen alten Fotos und Kassetten selbst zu digitalisieren. Wenn das Archiv einen hochwertigen Scan bereitstellt, erhalten die Beitragenden im Grunde einen kostenlosen Service zur Sicherung ihrer Familienerinnerungen.
Zu den bewährten Verfahren für die Rückgabe digitaler Kopien gehören:
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- Sofortige digitale Weitergabe: Übergebt der einreichenden Person die digitale Datei möglichst direkt nach dem Scannen. Haltet beispielsweise Laptops oder Tablets bereit, damit Mitarbeitende das Bild vor Ort auf den USB-Stick oder das Smartphone der Person übertragen können. Manche Veranstaltungen richten eine E-Mail-Station ein: Das Scan-Team sammelt E-Mail-Adressen und sendet die Bilder bis zum Ende des Tages an die jeweiligen Beitragenden. Innerhalb weniger Stunden eine hochwertige digitale Kopie des geliebten Fotos zu erhalten, macht die Menschen sehr glücklich.
- Online-Zugriff: Mit Zustimmung laden Archive die Scans häufig in eine öffentlich zugängliche digitale Sammlung oder Galerie hoch (beispielsweise auf der Website des Archivs oder auf einer Plattform wie einem Online-Portal für Gemeinschaftsarchive). Die Beitragenden können einen direkten Link zum Eintrag ihres Objekts erhalten, sobald dieser online ist. Sie können das Bild dort nicht nur herunterladen, sondern den Link auch mit Familie und Freunden teilen. Es ist, als würde ihr Stück Geschichte offiziell anerkannt und in der Geschichte der Gemeinschaft bewahrt. Der Mass. Memories Road Show veröffentlicht beispielsweise alle eingereichten Fotos in einem digitalen Repositorium, sodass Teilnehmende und Forschende diese Bilder später als Teil der Geschichte des Bundesstaats ansehen können, wie im öffentlichen digitalen Repositorium einsehbar.
- Erinnerungsabzüge: In manchen Fällen können Veranstaltende als Souvenir einen kleinen Ausdruck anbieten. Eine „Erinnerungsfoto“-Station könnte beispielsweise Porträts von Teilnehmenden aufnehmen, die ihren Beitrag in den Händen halten (etwa eine Bewohnerin, die stolz die Kriegsmedaille ihres Großvaters zeigt), und ihnen anschließend einen Ausdruck oder ein Polaroid geben. Das ist nicht nur eine schöne Erinnerung an den Tag, sondern würdigt symbolisch auch das Teilen: Die einreichende Person nimmt buchstäblich ein Bild von sich selbst mit nach Hause, auf dem sie Geschichte schreibt. (Bei den Veranstaltungen des Mass. Memories Road Show wird als Teil des Erlebnisses ein eigenes Erinnerungsporträt der Beitragenden aufgenommen, wie in der Projekt-Roadmap beschrieben, das sie behalten können.)
Wenn jede einreichende Person mit digitalen Kopien (und vielleicht einem Erinnerungsstück) nach Hause geht, zeigt das Respekt und Gegenseitigkeit. Die Beitragenden sehen, dass das Archiv nicht nur etwas von ihnen nimmt, sondern auch etwas zurückgibt. Diese Praxis fördert außerdem die künftige Beteiligung: Wenn jemand die erhaltenen Digitalisate den Verwandten zeigt, inspiriert das oft weitere Menschen, bei der nächsten Veranstaltung ihre Materialien mitzubringen. Im Grunde ist jede geteilte digitale Kopie Werbung für das Archiv und eine Einladung, sich weiterhin an der Gemeinschaft zu beteiligen.
Archive wachsen, wenn Teilen sich sicher anfühlt
Im Zentrum jeder Initiative zur Archivierung durch die Gemeinschaft steht Vertrauen. Menschen öffnen ihre Sammelalben und Familienalben nur, wenn sie sich dabei sicher und respektiert fühlen. Eine solche Atmosphäre zu schaffen, ist genauso wichtig wie jeder Scanner oder jede Ausstellung. Wenn Teilen sich sicher anfühlt, wachsen Archive wirklich – nicht nur in ihrer Größe, sondern auch in ihrer Vielfalt und ihrem Reichtum.
So bauen Veranstaltende und Archivfachleute Vertrauen auf:
- Respekt und Transparenz: Erklärt klar, was mit den Materialien und Geschichten geschieht, die Menschen teilen. Verwendet Einverständniserklärungen oder einfache Vereinbarungen, die die Beitragenden verstehen können. Darin sollte stehen, dass ihre Objekte nur vorübergehend zum Scannen ausgeliehen werden (es sei denn, sie entscheiden sich ausdrücklich für eine Schenkung), und wie die digitalen Bilder und Informationen verwendet werden. Wenn Materialien online oder in künftigen Ausstellungen zugänglich sein werden, sollte das ausdrücklich genannt werden. Transparenz verhindert Überraschungen und gibt den Menschen Sicherheit bei ihrer Beteiligung.
- Kulturelle Sensibilität: In kulturell vielfältigen Gemeinschaften ist es entscheidend, jede Geschichte mit Respekt für ihren Hintergrund zu behandeln. Setzt bei Bedarf mehrsprachige Mitarbeitende oder Freiwillige ein, damit die Beitragenden in der Sprache kommunizieren können, in der sie sich am wohlsten fühlen. Achtet auf kulturelle Regeln: Manche indigene Gemeinschaften oder Einwandererfamilien haben möglicherweise Bedenken, bestimmte Fotos zu teilen oder Verstorbene zu benennen. Sich die Zeit zu nehmen, diese Wünsche kennenzulernen und zu respektieren, zeigt Wertschätzung. In Kanada arbeitete die Archivarin Melissa J. Nelson (Gründerin des Black Memory Collective) mit Library and Archives Canada zusammen, um eine „Archive Party“ zu veranstalten. Die Veranstaltung war als einladendes, niedrigschwelliges Treffen mit Musik konzipiert, bei dem die Teilnehmenden lernen konnten, wie sie ihre digitalen Fotos bewahren, und gleichzeitig Kontakte in der Gemeinschaft knüpften, wie Library and Archives Canada das Veranstaltungskonzept beschreibt. Die Gestaltung des Archivereignisses als unterhaltsames, inklusives Treffen half neuen Teilnehmenden zu verstehen, dass es für sie gedacht war und keine exklusive institutionelle Veranstaltung.
- Sorgfältiger Umgang: Behandelt jedes Objekt, so gewöhnlich es auch wirken mag, während eurer Obhut wie ein unbezahlbares Artefakt. Das bedeutet einen konsequenten, vorsichtigen Umgang: Verwendet für empfindliche Fotos Handschuhe, stützt fragile Dokumente mit festen Unterlagen ab und haltet Lebensmittel und Getränke von allen Ausstellungs- und Scan-Bereichen fern. Zeigt außerdem Aufmerksamkeit: Hört ernsthaft zu, wenn eine einreichende Person die Bedeutung ihres Objekts erklärt. Wenn Menschen sehen, dass Archivfachleute und Freiwillige wirklich sorgfältig und interessiert vorgehen, stärkt das ihr Vertrauen, dass ihre Erinnerungen in guten Händen sind.
- Eigentümerschaft der Gemeinschaft: Stellt das Archiv nach Möglichkeit als Archiv der Gemeinschaft dar. Wählt einen vertrauten, gut zugänglichen Ort (etwa eine örtliche Bibliothek oder ein Gemeinschaftszentrum) statt einer entfernten oder formellen Institution, die manche Menschen einschüchtern könnte. Bezieht lokale Führungspersönlichkeiten oder beliebte Personen in die Bewerbung und Durchführung der Veranstaltung ein. Wenn beispielsweise eine angesehene ältere Person oder eine beliebte lokale Künstlerin die Ausstellung eröffnet, kann das signalisieren, dass dieses Archivprojekt allen gehört. Die Botschaft sollte nicht lauten: „die Sammlung der Bibliothek“ oder „das Projekt des Museums“, sondern: unsere Sammlung als Gemeinschaft. Wenn Menschen beginnen, sich gemeinsam für das Archiv verantwortlich zu fühlen, tragen sie viel eher dazu bei und setzen sich für sein Wachstum ein.
Um dieses Vertrauen zu erhalten, ist auch die Nachbereitung wichtig. Bedankt euch bei allen Beteiligten, etwa durch Danksagungen in den sozialen Medien, eine Follow-up-E-Mail oder eine „Danke“-Tafel in der Ausstellung, auf der alle Beitragenden namentlich aufgeführt sind (sofern sie zustimmen). Informiert die Gemeinschaft darüber, wie das Archiv wächst und genutzt wird. Teilt beispielsweise mit: „200 Fotos wurden gescannt und dem Stadtarchiv hinzugefügt“, und informiert die Beitragenden darüber, dass ihre Objekte auf der Website des Archivs zu sehen sind oder in einer bevorstehenden Ausstellung zum Jubiläum der Gemeinschaft gezeigt werden. Wenn Menschen sehen, dass ihre Beiträge langfristig wertgeschätzt werden, vertieft sich die Beziehung.
Letztlich ist eine Präsentation eines Gemeinschaftsarchivs mehr als eine einmalige Veranstaltung. Sie ist der Beginn eines fortlaufenden Dialogs zwischen den Bewahrenden der Geschichte und den Menschen, die diese Geschichte leben. Die erfolgreichsten Beispiele – von Scan-Aktionstagen in Kleinstädten bis zu Archivmärkten in Großstädten – zeigen: Wenn Menschen sich sicher und stolz fühlen, ihre Erinnerungen zu teilen, blüht das Erbe der gesamten Gemeinschaft auf. Das erinnert eindrucksvoll daran, dass Archivarbeit ein gemeinsames Fest sein kann – tatsächlich ein Kulturfestival gemeinsamer Erinnerungen.
Die wichtigsten Erkenntnisse
- Gemeinsames Kuratieren: Bezieht Mitglieder der Gemeinschaft (Familien, an Lokalgeschichte Interessierte, Kulturgruppen) in die Auswahl und Beschreibung der Materialien ein. Gemeinsames Kuratieren stellt sicher, dass Ausstellungen die Stimme der Gemeinschaft widerspiegeln, und gibt den Menschen Stolz und Mitverantwortung für den Prozess.
- Digitalisierung vor Ort: Stellt bei Veranstaltungen Scan-Stationen bereit, damit Teilnehmende Fotos, Dokumente und andere Erinnerungsstücke direkt vor Ort beitragen können. Die Digitalisierung in Echtzeit bindet die Teilnehmenden ein und lässt das Archiv schnell wachsen, während die Menschen ihre Originale behalten können.
- Vermittlung von Bestandserhaltung: Nutzt die Veranstaltung, um grundlegende Tipps zur Bestandserhaltung zu vermitteln. Befähigt die Beitragenden mit Wissen zur Pflege ihrer Fotos, Papiere und digitalen Dateien. So entsteht eine gemeinsame Verantwortung für den Schutz des kulturellen Erbes.
- Gegenseitigkeit: Gebt den Beitragenden immer etwas zurück. Stellt digitale Kopien der gescannten Objekte bereit (per E-Mail, Download-Link oder als Ausdruck), damit sie von der Digitalisierung profitieren. Diese Geste zeigt eine Partnerschaft auf Augenhöhe und ermutigt weitere Menschen, sich künftig zu beteiligen.
- Vertrauen und Sicherheit: Sorgt dafür, dass sich die Beitragenden sicher fühlen. Erklärt transparent, wie Beiträge verwendet werden, behandelt die Schätze aller mit Respekt und berücksichtigt kulturelle Besonderheiten. Eine einladende, inklusive Atmosphäre macht es mehr Menschen leicht, sich zu beteiligen.
- Eigentümerschaft der Gemeinschaft: Verankert das Projekt in der Gemeinschaft. Nutzt vertraute Orte vor Ort und bezieht lokale Führungspersönlichkeiten oder Organisationen ein. Wenn Menschen das Archiv als ihre Initiative sehen – als Archiv für und von der Gemeinschaft –, sind sie motiviert, zu seinem Wachstum und Erfolg beizutragen.